Mittwoch, 19. März 2014

Marillenblüte 2014






Heimlicher Brief
Liebwerter Chung! Ich habe eine Bitte.
Ich weiß, du steigst gern auf die Silberweide
am Bach und achtest auf die zagen Schritte
der Dörfler, Hirten und der alten Leute,
die spät zu Bett gehn.
Chung, du sollst das nicht.
Du hast die jungen Triebe abgebrochen.
Mein Vater hat am andern Tag davon gesprochen,
und Zorn verdunkelte sein freundliches Gesicht.
In kalter Nacht die Aprikosenblüte
der Reif zerstört.
Vor rauhem Wort mein Herz behüte,
das dir gehört. Mein teurer Chung! Ich muß dir noch was sagen.
Von meinem Sandelbaum, wo in den Zweigen
zur Dämmerung die Nachtigallen schlagen
und tausend Grillen ihre Lieder geigen,
war jüngst ein Blatt welk.
Chung, du sollst das nicht.
Du hast es in der Eile abgebrochen:
Das ganze Dorf hat schon davon gesprochen,
und Klatsch zerrt auch die Edlen vor Gericht.
In kalter Nacht die Aprikosenblüte
der Reif zerstört. -
Vor rauhem Wort mein Herz behüte,
das dir gehört.
Geliebter Chung! Ich muß dir Schmerz bereiten.
Ich weiß, du steigst heut abend auf die Mauer
und läßt am Maulbeerbaum dich abwärtsgleiten.
Doch meine Brüder liegen auf der Lauer,
um dich zu fangen.
Chung, komm lieber nicht.
Du würdest sicher ins Verderben rennen,
du müßtest unsre Heimlichkeit bekennen,
und wir verlören beide das Gesicht.
In kalter Nacht die Aprikosenblüte
der Reif zerstört.
Vor rauhem Wort mein Herz behüte,
das dir gehört.

(Fritz Mühlenweg aus „Tausendjähriger Bambus“ , Nachdichtungen aus dem Schi-King, 1946)

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